Kurzgeschichten

Flurgespräche, die mich nichts angehen

Ich sitze vor dem Fernseher und möchte fern sehen. Nach einigen Minuten merke ich, die Ferne, die mir der Fernseher zeigen möchte, ist nicht besonders schön. Da hilft nur noch ein Power Nap. Ein Power Nap, welches so oder so in einem langen Mittagsschläfchen ausarten wird. Nach langer Arbeit an einem Montag, ist so oder so nichts mehr zu retten.

Langsam schlummere ich ein und träume von lauter schönen Dingen. Donuts mit bunten Streuseln, Cupcakes mit großen Kirschen und vegetarischer Sauerbraten mit Kartoffeln. In meinem Traum greife ich zur Gabel um mich dann über die Leckereien her zumachen, aber dazu kommt es nicht. Die Leckereien fallen in sich zusammen und landen auf dem Boden, weil ich von einem lauten Klopfen und Kratzen geweckt werde. Verschlafen und verwirrt falte ich mich aus meinem Deckenkokon und muss außerdem feststellen, noch immer kein Schmetterling zu sein. Doof.

Ich lausche in meine Wohnung und rufe mir in Erinnerung, dass ich alleine wohne, also fast. Ich gehe in den Flur und schaue nach meinem Hamster, seines Namens Storm Trooper, der in seinem Haus liegt und schläft. Also jetzt nicht mehr, weil ich sein Haus hochgenommen und nach gesehen habe, ob er tatsächlich darin schläft oder ob er gerade einen illegalen Tunnel gräbt. Tut er nicht. Er beschwert sich, weil ich ihn geweckt habe, reißt mir sein Haus aus der Hand und kuschelt sich wieder in eine Schicht aus Klopapier und Eierkartonpappe.

Damit kann das Geräusch nur von vor meiner Wohnungstür kommen. Langsam öffne ich die selbige und schaue raus. Mein Nachbar steht im Flur auf seiner Fußmatte und schlägt seine Schuhe aus und die 192 Paar von seiner Frau und seinen drei Kindern. 

Mahlzeit.“ grüße ich.

Selber.“ antwortet er mir. Ich denke darüber nach, ob ich tatsächlich eine Mahlzeit bin und ob das schon unter sexuelle Belästigung fällt.

Bin ich zu laut?“ fragt er und bürstet fleißig Erde, Schlamm, Regenwürmer und Laub von den Schuhen, direkt in unseren Hausflur.

Ne, alles gut.“ lüge ich, weil Lügen Beziehungen verbessern. Außerdem möchte ich, dass seine Frau weiterhin meine online bestellten Päckchen entgegen nimmt, während ich das Geld verdiene, um mir die Päckchen leisten zu können.

Großer Schuhputztag?“ frage ich, da sich die Situation für mich, noch nicht ergeben hat.

Jap. Meine Frau war heute mit den Kindern im Wald, damit die auch bei schlechtem Wetter rauskommen.“
Der Zusammenhang zwischen Wald und schlechtem Wetter ergibt sich mir auch nicht, trotzdem nicke ich verständnisvoll und höre weiter zu. Ich will den ganzen Dreck nicht in der Wohnung haben und freitags kommt doch jetzt immer eine Putzfrau, die den Flur sauber macht.“ erläutert er seinen Plan weiter.
Stimmt.“ gebe ich zurück und lasse ihn mit dem immer größer werdenden Erdberg zurück.

Drinnen koche ich mir einen Kaffee und denke an die Putzfrau. Sie ist sehr klein und versteht meine Sprache nicht, trotzdem lacht sie mich immer an und grüßt in der Sprache, in der sie sprechen kann. Der Flur ist immer sauber und riecht angenehm, nach Rosenblütensommernachtstraum und Meeresglücksnachtbrise, mit einer sanften Zitronen-Note. Unfair, dass sich die kleine Frau am Freitag um den großen Berg Erde im Flur kümmern muss.

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Am nächsten Tag betrete ich nach der Arbeit zur gewohnten Zeit den Flur und mir steigt sofort ein öliger Geruch in die Nase. Auf meinem Flurabsatz treffe ich wieder meinen Nachbarn. Wie schon gestern, steht er auf seiner Fußmatteninsel und ist schwer beschäftigt. Heute fordert ein Ölwechsel an seinem Auto, in unserem Flur, seine volle Aufmerksamkeit. Er schmeißt den benutzen Ölfilter und die verschmutzen Tücher auf den Erdberg und winkt mir mit ölverschmierter Hand zu.

Läuft bei dir?“ fragt er rhetorisch und schmeißt auch noch die Verpackung vom neuen Motoröl auf den Erdberg.
Putzfrau kommt ja am Freitag.“ ergänzt er und zeigt auf den Berg.
Ich nicke und gehe in meine Wohnung, mein Arbeitstag war lang und nervig.

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Am nächsten Morgen, hat sich in meinem Leben nicht viel verändert und aich an diesem Tag muss ich zur Arbeit. Ich schnappe mir eine Arbeitstasche und und greife nach der Türklinke. Vor meiner Wohnungstür höre ich ein lautes gackern, einen Schlag und für einen Moment nichts. Ich öffne meine Tür, trete auf meine Fußmatteninsel und bin gespannt was mich heute erwartet. Nach dem gestrigen Kaminholz spalten, kann mich nichts mehr überraschen. Mein Nachbar steht abermals in seinem Fußmattendistrikt und weidet gerade ein Huhn aus, welches er gerade mit einer Axt geköpft hat. Ich bin überrascht, wie ich mich doch irren kann.
Die Hühnereingeweide geben dem Erdberg einen schönen Gipfel. Darunter findet sich der Ölfilter, die leere Ölverpackung, Kartoffelschalen, die Reste vom bleistiftanspitzen, der Inhalt eines Aquariums und Holzreste. Bemerkenswert, diese Stabilität.

Zurück in der Realität sehe ich meinen Nachbarn nicht mehr. Das liegt an den ganzen Federn in der Luft. Sehr gekonnt, rupft er das Hühnchen.

Meine Kinder sind erkältet.“ höre ich seine Stimme durch den Nebel aus Federn.
„Meine Frau möchte frische Hühnersuppe für die drei kochen, damit sie schneller gesund werden.“
Das verstehe ich.“ antworte ich und lüge dieses Mal nicht.
Du solltest der Putzfrau einen kleinen Tritt in den Flur stellen. Sonst bekommt sie die Federn nicht von der Lampe.“ schlage ich vor und ertaste durch den Federnebel das Treppengeländer.
Gute Idee.“ ruft mein Nachbar.
„Sie sollte sich nicht so quälen müssen. Die verdient bestimmt nicht viel, fürs flurputzen.“

An der Haustür angekommen, schüttle ich mich und mein neues Federkleid wird von einer Windböe erfasst und über die Dächer getragen.

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Mein Wecker klingelt und es ist endlich Freitag. Ich bin glücklich und stehe mit Schwung auf. Mit soviel Schwung, dass ich in meiner Decke hängen bleibe und aus dem Bett falle. Immerhin aufgestanden. In der Küche koche ich mir einen Kaffee und stelle fest, mein Biomülleimer ist so voll, es passt nicht mal mehr mein gebrauchter Filter rein. Ich überlege kurz und öffne meine Wohnungstür. Der Flur ist leer, bis auf eine lebensgroße Holzskulptur in Form eines Adlers, den mein Nachbar aus einem Massivholzblock geschnitzt hat. Und den Berg der Schande, auf dem nun mein Kaffeesatz landet. Zum Glück kommt die Putzfrau heute, die Stabilität ist nicht mehr so richtig gegeben.

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Nach getaner Arbeit und enger U-Bahn-Fahrt, auf der ich mehr Körperkontakt hatte, als in Ü18-Clubs, biege ich in meine Straße ein, in der meine Wohnung wohnt. Schon von weitem erkenne ich einen Sperrmüllwagen, sowie ein Sondereinsatzkommando zur Beseitigung von Gegenständen, kontaminiert mit Plutonium. Unsere Flurreinigungskraft kommt mir mit Säcken voller Sägespäne entgegen und lächelt freundlich. Wahrscheinlich, weil ihr nicht viel übrig bleibt, als freundlich zu lächeln.
Von meinem Küchenfenster beobachte ich, wie unsere Reinigungsfachkraft spezialisiert auf Hausflure, ganze elf Mal die Treppe runter muss, um den ganzen Müll nach unten zu bringen. Unermüdlich verteilt sie den Müll auf den Sperrmüllwagen, die gelbe und die schwarze Tonne. Als das Sondereinsatzkommando abrückt, winkt sie dem Trupp freundlich hinterher. Heute braucht sie statt der üblichen 40 Minuten, drei Stunden, bis unser Flur wieder nach einem Spritzer Zitrone riecht. Ich denke, die Überstunden werden ihr nicht ausgezahlt.

Im Grunde ist es nicht fair, dass mein Nachbar seine Probleme einfach auf die nette, kleine Frau abwälzt. Plötzlich sind es ihre Probleme, zusätzlich zu den Problemen, die sie schon hat. Fair ist auch nicht, dass ich nichts gesagt habe. Erst habe ich nur stumm zugesehen und dann sogar mitgemacht, weil es einfach war.
Man sollte seine Probleme alleine klären. Schließlich hat man sie
alleine bekommen oder verursacht. Außerdem sollte man seine Stimme erheben, gegen die, die ihre Probleme auf andere Menschen abwälzen ohne nur einmal freundlich nach Hilfe gefragt zu haben. Und mit man, sollte sich jeder von uns angesprochen fühlen.

Flurgespräche, die mich nichts angehen

2 Kommentare zu „Flurgespräche, die mich nichts angehen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s