Snowboarden für Anfänger vs. Tannenbäume klauen für Profis

Weihnachtsgeschichte

Max fiel. Fiel endlos in eine dunkle Tiefe. Der Aufprall kam abrupt, gefolgt von einem hässlichen Geräusch. Er hatte sich was gebrochen, sein Kopf schmerzte und sein Mund war staubtrocken. Seine Freunde tauchten in seinem Blickfeld auf, einer nach dem anderen. Schwerfällig hob er seinen Arm, um auf sich aufmerksam zu machen. Er brauchte Hilfe, von alleine konnte er nicht aufstehen.

„Ich bin ja wirklich tolerant, aber mit nem Kerl? Also so richtig schwul oder wie? Sorry Digga, aber nachm pöhlen mit dir unter der Dusche stehen, ist irgendwie ekelig.“ Nick drehte sich angewidert um und ging.

Dieser Satz traf ihn tief in der Magengegend und krümmte sich abermals vor Schmerz. Ein schriller Ton drang in sein Ohr, auf den er sich aber nicht konzentrieren konnte. Zuerst musste er mit Nick sprechen. Doch schon im nächsten Moment stand Mia vor ihm. Sie würde ihm helfen und dann würde er Nick noch einholen.

„Du hast mich wochenlang belogen! Und dann noch mit Janosch!“, brüllte Mia los.
„Er war wie ein Bruder für mich! Was denkt ihr euch dabei? Das ist ekelhaft! Sieh zu, wie du wieder hochkommst“, auch Mia wandte sich von Max ab, ließ ihn zurück.

Der Ton in seinem Kopf wurde immer lauter und er schüttelte sich. Max wollte sich erklären. Sich, die Situation und einfach alles. Aber sein Mund war noch immer trocken und verklebt. Kein Ton, kam aus ihm heraus. Weiter abseits, stand Janosch und wurde hart von Till angerempelt. Max musste aufstehen und Janosch beschützen. Er hatte ihn schließlich erst in diese Situation gebracht. Der schrille Ton unterbrach jeden weiteren Gedanken.

Im nächsten Atemzug schreckte Max, nass geschwitzt hoch. Sein Herz raste, wie nach einem Sprint. Verwirrt schaute er sich um. Er erkannte das Schlafzimmer nicht wieder und sein Kopf pochte wirklich vor Schmerz.

„Max, mach den Wecker aus. Ich habe noch immer Urlaub.“, drang dann Janosch Stimme aus der Dunkelheit und er fand seine Orientierung langsam wieder.

Max griff nach seinem Handy und schaltete den Wecker aus. Der helle Screen zeigte ihm sechs Uhr an.
„Ich muss wieder rüber Joschi“, erklärte er und zog sich ein Shirt über. Janosch zog sich die Decke über den Kopf und grummelte etwas Unverständliches in sein Kissen. Schmunzelnd gab er Janosch einen Kuss auf die Stirn oder zumindest küsste er die Decke an der Stelle, wo er Janosch Stirn vermutete. Wieder kam nur ein Grummeln zurück.

Leise öffnete Max die Zimmertür, bedacht keine Diele zum knarzen zu bringen. Auf leichten Füssen schlich er zurück in sein Gästezimmer, welches auf der anderen Seite des Flurs lag.
Das Haus lag im Tiefschlaf und an diesem Zustand würde sich so schnell nichts ändern. Dafür hatten Sophie und die gestrige Glühweinparty gesorgt. Das erklärte auch seine Kopfschmerzen und das Karussell in seinem Kopf. Max musste dringend an die frische Luft und sich etwas bewegen. Dieser Traum hatte ihm zugesetzt und war in den letzten Nächten Gang und gebe. Er musste sein Leben wieder in geordnete Bahnen bekommen. Kurz sorgte er in seinem Zimmer für ein kleinen Durcheinander, damit es aussah, als hätte er die Nacht hier verbracht und nicht eingekuschelt neben Janosch.

Wenig später stand Max, eingepackt in seiner Jacke, draußen im Schnee. Der Wald lag noch im dunkeln und ein leichtes Dämmern, war nur zu erahnen. Die Einfahrt und sein Van waren komplett zugeschneit. Obwohl er nicht wusste, wohin er hätte fahren sollen, konnte er schon einmal für eine freie Einfahrt sorgen. Kurz entschlossen griff er nach der Schaufel, mit der Jonas tags zuvor, für Ordnung vor dem Haus gesorgt hatte.
Verkatert und gefangen in seinen Gedanken schaufelte Max den Schnee ohne Plan von der einen Seite auf die Andere.
Die Einfahrt war nun frei, dafür war die Terrasse, die von der Küche nach draußen führte, komplett zugeschüttet. In seinem Kopf voller matschigen Gedanken, kam ihm eine Idee.

Max schaufelte, als gäbe es keinen Morgen, obwohl es ihn schon gab. Mit jedem Kilo Schnee, den er zu Seite schaffte und festdrückte, fühlte er sich leichter und sein Kopf wurde klarer.
Seine Muskeln schmerzten schon leicht und ein dünner Schweißfilm legte sich auf seinen Rücken.
Die Zeit flog an ihm vorbei und er bemerkte nicht, wie hell es bereits war. Die Vögel zwitscherten durch den Wald, während er sich auf die Suche nach großen Steinen machte. Über dem Spaten, den er tief in den Boden gesteckt hatte, hing seine Jacke und nur in einem dünnen Sweatshirt bekleidet, legte er einen Kreis aus dicken Steinen. Sein Gesicht glühte und sein Herz brannte. Über diese Überraschung würden seine Freunde sich freuen und ein weiterer Abend, würde unvergesslich werden.

„Alta, Max. Was geht bei dir? Redbull, statt Wasser in die Kaffeemaschine gemacht oder was los?“ Nick stand in Jogginghose und Kapuzenpulli vor der offenen Terrassentür.

„Und dein gepflegter Sprachgebrauch, Junge? Liegt noch oben im Bett und schläft?“ Max schaufelte eine Ladung Schnee auf Nick. Vergeblich versuchte Nick auszuweichen, aber seine Reaktionsgeschwindigkeit war zu langsam. Bevor er zum Gegenschlag ausholen konnte, wurde er schon von den Mädels zur Seite gedrückt.

„Oh ist das schön!“, quietschten die drei jungen Frauen und drängten sich an Nick vorbei, auf die Terrasse.
Max hatte aus dem Schnee eine Bar geformt, aus Holzstämmen einige Sitzgelegenheit zusammen gestellt und in der Mitte eine Feuerstelle errichtet. Die Mädels waren vor Begeisterung nicht zu bremsen und versammelten sich um Max. Zwischen dem ganzen Geplauder und Geschnatter bekam er schließlich nacheinander von allen Frauen einen Kuss auf die Wange und lief rot an. Verlegen kratze er sich am Hinterkopf.

„Häuft ein bisschen Schnee auf und ist schon der Held. Weiber“, kommentierte Nick die Szene und gesellte sich zurück zu den Jungs, die schon am Küchentisch saßen.

„Nur kein falscher Neid, Kleiner“, zwinkerte Janosch ihm zu und nippte an seinem heißen Kaffee.

„Na Schlafmütze? Schon wach?“ Max setzte sich neben Janosch und widerstand, seinen morgendlichen Kuss einzufordern. Janosch grinste nur und blickte verschlafen durch seine Brille.

Nach einem ausgiebigen Frühstück wollte der Tag geplant werden und Sophie sah es als Herzenssache an, dies zu übernehmen.
„Ski fahren! Ihr solltet Skifahren gehen!“

„Aber Sophie! Wir lassen dich doch nicht alleine zurück!“, antwortet Karo empört.

„Ich komme ja auch mit. Jonas und ich machen einen kleinen Spaziergang und wir treffen uns in einer Hütte wieder, auf ein bisschen Après-Ski.“

Da es sinnlos war, mit Sophie zu diskutieren und erst recht mit einer Sophie im Hormonchaos, standen die kleine Gruppe wenig später in einem nahegelegenen Wintersportgebiet, vor einem Skiverleih. Das abgeschiedene Dorfleben, brachte offensichtlich viele positive Nebeneffekte mit sich.

Mia und Till schlossen sich Sophies Spaziergang an, einigten sich allerdings darauf, die erste Abfahrt der Freunde zu begutachten.

„Ich fahre Snowboard. Zwei Bretter und zwei Stöcke klingt mir zu abenteuerlich“, analysierte Max und hatte plötzlich Nick an seiner Seite.

„Geil Digga! Da mach ich mit!“

Max hob seine Augenbrauen: „Kannst du den snowboarden?“

„Ja, sicha. Kann ja auch nicht viel schwerer sein, als Ski fahren.“
Womit diese Diskussion schnell beendet war. Max tauschte einen kurzen Blick mit Janosch.

„Soll ich ihn jetzt aufhalten?“, fragte Janosch und nahm seine Ski entgegen.
„Du machst das schon, mit dem kleinen Racker.“

„Super, Babysitter im Urlaub?!“

„Was gibt es hier zu tuscheln?“ Nick steckte den Kopf zwischen die beiden und schaute erwartungsvoll von einem zu anderen.


Auf der Bergspitze angekommen, machten sich Janosch, Karo und Toby langsam daran, die Piste im Slalom abzufahren. Was für Max Geschmack, nicht nach großem Spaß aussah.

„Lust auf ein kleines Wettrennen mit mir?“, stachelte Nick ihn an.

„Lieber nicht. Nachher passiert uns noch was.“

„Ach komm schon. Max! Mit Janosch machst du auch ständig cooles Zeug. Wettrennen und sowas. Oder hast du etwa Angst vor mir?“

„Wenn ich mit Joschi ein Wettrennen fahr, bin ich mir auch sicher, dass wir es überleben. Bei dir bin ich mir nicht so sicher. Ich will nicht, dass du dich verletzt.“

Nick ließ nicht locker und wusste genau, welchen Knopf er bei Max drücken musste, um seinen Willen durchzusetzen.

„Ich denke ja, du hast Angst, Digga. Wahrscheinlich lässt Janosch dich immer gewinnen, weil du sein bester Freund bist“, flötete Nick los, während Max sich seine Schuhe auf das Board schnallte.

Max atmete tief ein und besann sich nicht eines Besseren.
„Ok, wie du willst. Solltest du dir aber was brechen, kannst du dich von Mia ins Krankenhaus fahren lassen, inklusive Standpauke!“, rief Max schließlich.

„Wir werden ja sehen, wer im Krankenhaus landet“, gab Nick zurück und stellte sich an die Abfahrt.

„Definitiv“, flüsterte Max und zog sich seine Brille auf.

Die Anderen waren mittlerweile am Ende der Piste angekommen und blickten gespannt auf Nick und Max.

„Ich denke, einer der beiden Spinner bricht sich was“, prophezeite Mia die Szenerie am Fuße der Piste.

„Möglich, dass du dieses Mal recht behältst.“ Selbst Till, schien diese Situation nicht ganz koscher.
Im nächsten Augenblick, schoss Nick die Piste runter und war bemüht einen möglichst engen Slalom zu fahren, um Zeit zu sparen. Geriet aber mehr als einmal in ein leichtes Schwanken.
Max hingegen wählte eine enge Spur, direkt neben der Piste auf dem der Schnee noch nicht platt gefahren war. Mit einem halsbrecherischen Tempo bretterte Max den Hang hinab und steuerte dann einen kleinen Hügel an. Nick schaute sich irritiert nach Max um und geriet wieder leicht aus der Bahn.
Max hingegen war in seinem Element. Adrenalin pumpte durch seine Adern und der Geschwindigkeitsrausch ließ ihm Flügel wachsen. Wie auf jedem Board beherrschte er die Natur und ließ sich von ihr treiben. Kurz vor dem Hügel ging er leicht in die Hocke und griff mit einer Hand nach seinem Board. Er drehte sich in der Luft und sprang über Nick hinweg. Dieser sah Max nur noch im Augenwinkel über sich hinweg fliegen. Die Unachtsamkeit wurde sofort bestraft und er landete, kopfüber in einer aufgeschütteten Seitenbande, im Schnee.

Max hingegen landete elegant auf seinem Board, verringerte sein Tempo und steuerte seine wartenden Freunde an. Kurz vor ihnen riss er eine kurze Rechtskurve, bremste, drehte sich und überschüttete sie schließlich mit einer Ladung Schnee.
Lässig nahm er seine Brille ab und stand vor einem staunenden Publikum.

„Mega Sprung!“, lobte Janosch und klatsche Max ab.

„Bist du bekloppt?!“ Max würde es Mia niemals recht machen.


Nach weiteren Abfahrten und einigen Stunts läutete Sophie das Aprés Ski ein. Da die meisten Hütten allerdings schon überfüllt waren, verlagerten sie die Party wieder in das eigenen Haus.

Toby sorgte für Musik und da die nächsten Nachbarn ein ganzes Stück weiter weg wohnten, fand selbst Mia nichts zu meckern. An der bereits vorbereiteten Feuerstelle zündeten Max ein Lagerfeuer an.

„Krass Max. Was du alles kannst“ fasste Nick die Arbeit zusammen.

„Du musst nur mehr vor die Tür, Nick,“ winkte Max ab.
„Dann lernst du sowas.“

Nick brauchte nur einen Moment um sich diese Aussage passend zurechtzulegen.
„Wir können im Sommer mit deinem Van zu ein paar coolen Seen fahren oder ans Meer und ein paar Kalinen aufreißen?“

„Super Idee.“ Max verdrehte die Augen und legte einen großen Holzscheit in das lodernde Feuer. Die Schneebar glänzte im orangen Licht.

„Wa?! Dann machste noch ein paar Stunts aufm deinem Surfbrett und wir können uns vor Frauen kaum retten“, jetzt war es an Nicks Augen, im orangenen Licht zu glänzen.

„Da stellt sich mir nur eine Frage“, Janosch war zwischen ihnen aufgetaucht und schaute Nick fragend an.

„Wieso sollten sich die Frauen um dich versammeln, wenn Max die Stunts auf dem Surfbrett macht?“
Max grinste über beide Ohren und klatsche mit Janosch ab.

„Stimmt. Deine Haltungsnote beim snowboarden war miserabel“, feixte Max weiter.

„Zieht ihr wieder den kleinen Nick auf?“ Karo kam mit Stockbrot an das Lagerfeuer und drückte je Max und Nick einen Stock, samt Teig in die Hand.
„Ihr sollt euch doch vertragen.“

„Oh“ stimmten beide ein, nahmen das Stockbrot entgegen und hielten es über das loderende Feuer und es herrschte wieder Einigkeit.

„Es kann so einfach sein“, kommentierte Janosch das Geschehen und verdrehte die Augen.

„Männer. Man muss nur wissen wie“ und mit einem weiteren Zwinkern in Janoschs Richtung, ging Karo zurück in die Küche.

„Isch würdsch sagschen, Karoo steht aufsch disch!“, warf der schon kauende Nick ein.

Hellhörig blickte Max von seinem Stockbrot auf, welches er länger als nur zwei Sekunden rösten wollte.

„Alscho isch würde da nischt zschweimal warten. Discha“

„Womit wir wieder beim Thema wären, Nick. Dir hat sie nicht zugezwinkert!“, wendete Max ein und stupste ihn wieder an.
„Joschi kann sie halt alle haben.“ Diesmal war es an Max, Janosch zuzwinkern, während er Nick durch die Haare strubelte.

„Der Glühwein ist fertig!“ Sophie kam mit einem schwer beladnen Tablett nach draußen.
„Und damit ihr zu dem süßen Zeug auch Abwechslung habt, gibt es noch Tequila dazu.“

„Liebste, das ist doch zu schwer für dich.“ Jonas wollte ihr das Tablett abnehmen.

„Das geht schon mein Schatz“, schnell drehte Sophie sich weg.
„Nicht das du wieder stolperst und die Getränke verschüttest, wie gestern Abend.“

Unverichteter Dinge gesellte sich Jonas wieder zu den Jungs ans Feuer.
„Ich habe versucht, euch zu retten. Ab jetzt kämpft jeder für sich“, flüsterte Jonas Janosch zu.

Minuten später hatte wieder jeder eine Tasse Glühwein in der Hand, außer Sophie, die sich wieder mit Tee begnügen musste.
„Dann stoßt gleich die erste Runde Tequila an. Ich bereite euch noch eine Zweite vor. Auf einem Bein kann man schließlich nicht stehen, oder wie haben wir das damals immer gesagt? Den Glühwein haben Karo und ich übrigens selbst gemacht. Wie zur guten alten Abizeit. Dieses Mal haben wir aber guten Wein genommen und nicht den Fussel aus dem Tetrapak. War das früher alles witzig“, plauderte Sophie weiter, während sie auch noch Salz und Zitronen verteilte.

Jonas positionierte sich am Rand der Schneebar und als alle sich zu prosteten und tranken, schmiss er den Inhalt seines Pinnchens, über die Schulter in den Wald.

„Warum müssen wir unter deiner Frau leiden und du nicht?“, fragte Janosch, leise Jonas, während er das Gesicht verzog und in die Zitrone biss.

„Weil ihr, nach Silvester nach Hause fahren könnt und ich weiter mit Sophie und die Vegangene Jugendzeit betrauern muss.“

„Klingt einleuchtend“, mischte Max sich ein, zuckte mit den Achseln und prostete den beiden zu. Eins, zwei Kurze würden schon nicht schaden.

Während Sophie sich weiter um Glühwein und Tequila kümmerte, zog der Nachmittag ein und wurde zum Abend. Die Stimmung war ausgelassen und alte Geschichten zogen in den Kreis um das Lagerfeuer.

„… und nach der Vorband, hing Jonas, vor der Halle über einem Absperrzaun und der Abend war gelaufen“, gab Max die alte Geschichte zum Besten. Dabei kamen ihm vor Lachen die Tränen und alle lachten mit.

„No Way! Niemals ist Jonas so abgestürzt“, kommentierte Nick die Geschichte.
„Das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Das ist auch schon ewig her! Damals hatte ich noch volles Haar“, winkte Jonas verlegen ab, der die gesamte Aufmerksamkeit nicht mehr bei sich wollte.
„Aber da wir gerade bei alten Kamellen sind. Wie wäre es wenn Janosch uns, welche auf seiner Gitarre vorspielt?

„Ja, bitte Janosch!“, unterstützen Karo und Mia den Vorschlag sofort.

„Guter Schuss, Cowboy“, dabei zielte Janosch mit seinem Zeigefinger auf Jonas.
„Und Mädels beruhigt euch mal. Erst füllt ihr mich ab und dann soll ich noch einen Ton treffen, geschweige denn Gitarre spielen können.“

„Aber echte Rockstars trinken auch und stehen danach auf der Bühne?“, warf Max von der Seite ein.

„Das ist doch nicht dein Ernst?!“ Janosch schaute seinen Freund ungläubig an.

„Ich mein ja nur.“

Janosch ließ sich Zeit, seine Gitarre zu holen. In Ruhe stimmte er sie, in seinem Zimmer und versuchte dabei nüchterner zu werden. Minuten später schlich Max in Janosch Zimmer und setze sich hinter ihm aufs Bett. Sanft küsste Max Janosch Nacken.

„Ich vermisse dich.“, brachte Max zwischen zwei Küssen hervor.

Janosch lehnte sich zurück und genoss die Zärtlichkeiten.

„Ich bin doch hier.“

„Nein. Ich vermisse dich so richtig! Ich will dich!“, leise hauchte Max ihm die Worte ins Ohr. Um sein Verlangen zu unterstreichen, drückte er sich näher an Janosch und zog ihn schließlich auf seinen Schoß. Max stöhnte leise und bahnte sich einen Weg unter Janosch Pullover. Sanft kratze Max über seinen Rücken und wollte so viel mehr von diesem Mann, als nur eine unschuldige Fummelei. Er wollte sich in ihm verlieren, ihn spüren, sich fallen lassen und …

„Wir schlafen gleich ein!“, brüllte Nick von unten.

Max ließ seinen Kopf auf Janoschs Schulter fallen und atmete genervt aus.
„Der Junge macht mich fertig“, fiel Max nur noch ein und ließ Janosch aufstehen.

Janosch grinste nur und machte sich dann mit seiner Gitarre auf den Weg nach unten.
„Max?“, Janosch blieb mitten im Raum stehen und drehte sich zu ihm um. Dabei fixierter er Max mit seinen blauen Augen.

Sofort bildete sich eine dünne Gänsehaut auf Max Haut, welche nichts mit Lust oder Kälte zu tun hatte. In Janosch Blick lag so viel Zuneigung und Liebe. Es war verrückt und unmöglich zu gleich. Nicht zu glauben für Max. Selbst sah er sich, als gewöhnlich und teilweise sogar langweilig an. Außer ein bisschen Sport und mit einem Brett umgehen, konnte er nicht viel.

„Ich hab ein Lied für dich oder besser gesagt für uns geschrieben. Je nachdem wie man es sieht“, er lachte verlegen und gab Max dann einen zarten Kuss auf die Lippen.

Max brauchte mehr als einen Moment, um sich zu fangen, und lief seinem Freund dann hinterher. Schließlich wollte er nicht eine Zeile verpassen.

Janosch wartet schon in der Terrassentür auf ihn und hielt diese so lange auf.

„Küssen!“, schrie Karo auf einmal. Dabei war ihr deutlich anzusehen, dass sie mehr Tequila getrunken hatte, als sie vertragen konnte.

„Was ist los?“ Max schlitterte in den Türrahmen und blieb abrupt stehen.
„Wer hat sich geküsst?“

„Ihr müsst euch küssen!“, forderte Sophie die beiden Männer auf.

Max und Janosch tauschten panische Blicke.
„Küssen, küssen!“, klatsche dann auch noch Mia im Takt und die anderen Mädels stiegen sofort darauf ein.

„Habe ich schon ein Lied verpasst?“ Nick drängelte sich aus der Küche auch in den Türrahmen und hatte eine beachtliche Menge aufgespießter Marshmallows bei sich.
Er schaute kurz in die Runde, dann hoch zum Türrahmen und sagte: „Achso, na
gut.“
Dann küsste er einen perplexen Janosch auf den Mund, im Anschluss einen nicht weniger schockierten Max und ging unter dem Mistelzweig weg, zurück zur Feuerstelle.
Alle Applaudierten und johlten.
„Ich hätte gerne noch einen Kurzen, Sophie!“, bestellte Max und setzte sich dann ebenfalls an die Feuerstelle.

Nachdem sich alle beruhigt hatten, spielte Janosch alte Lieder auf seiner Gitarre. Lieder, die schon fast vergessen waren. Zusammen schwelgten sie in alten Zeiten und fragten sich zurecht, wo die alten Zeiten geblieben waren.

„Ein Lied habe ich noch und dann ist Schluss mit der Lagerfeuerromantik“, verkündete Janosch und fixierte Max einen Moment länger als den Rest der Gruppe. Er räusperte sich kurz und schlug dann die Saiten an, leise fing er an zu singen.

Dein Weg, wird noch viel weiter gehen,
jede weitere Prüfung, wirst du überstehn,
verlier dein Ziel, nie aus den Augen.
Schau nach vorn, bleib mutig.“

Kurz schaute Janosch Max an und Max stockte der Atem. Für einen Moment war diese
verrückte Welt stehen geblieben und sie waren nur noch zu zweit.

„Leb dein Leben, es ist deins,
geh gerade aus, weiter nach vorn.
Lass dir deine Träume nicht nehmen, greif nach jedem Stern.
Glaub an dich, glaub an uns und du wirst sehen.
Träume werden in Erfüllung gehen …“

Als Janosch das Lied zu Ende gesungen hatte, klatschten seine Freunde begeistert Beifall.
Max saß da und wusste nicht, was er sagen oder gar tun sollte. Leb dein Leben, wenn es nur so einfach wäre.

„So, Schlafenszeit!“ Jonas klatsche in die Hände und seine Augen, waren verdächtig glasig geworden. Am Alkoholkonsum konnte es nicht liegen, er hatte sämtliche Getränke in den Wald befördert.
„Und morgen Männer, müssen wir früh raus und einen Baum kaufen!“

„Ja!“, rief Karo und gähnte dann herzlich.
„Das dürfen wir auf keinen Fall verschlafen. Am Ende bekommen wir nur noch eine kleine Krüppeltanne.“

„Der Baum muss riesig sein! Er muss mindestens bis zur Decke reichen!“ Sophie breitete ihrer Hände weit aus.
„Dann sehe ich auf den Fotos wenigstens schmal aus.“

Während die Anderen in ihre Zimmer gingen und bettfertig machten, löschte Max noch das Feuer. Janosch blieb neben ihm stehen.

„Das Lied war wunderschön, Joschi. Danke.“

„Schön, dass es dir gefallen hat. Ich habe es erst letzte Woche zu Ende geschrieben. Du machst mein Leben besonders, Max.“

„Ach Quatsch“, winkte Max ab, weil er diese Aussage nicht glauben wollte.
„Ich würde allerdings gerne unser Weihnachtsfest zu etwas ganz Besonderem machen.“

„Ok. Und wie stellst du dir das vor?“

„Lass uns gleich in den Wald gehen und einen Baum fällen!“
Nach der Aussage schaute Max in große, ungläubige Augen.

„Einen Baum fällen? Wir? Mitten in der Nacht? Darf man das überhaupt?“

„Ja! Bis wir morgen in der Stadt sind, sind die schönen Bäume längst weg und einen Baum in Sophies Größenordnung werden wir dort bestimmt nicht bekommen.“

„Mh.“ Janosch musste über diese Argumente nachdenken.
„Und wieso wollen wir Sophie diesen Wunsch so detailgetreu erfüllen?“

Max verdrehte die Augen. „Weil Morgen Weihnachten ist und ich ein perfektes Weihnachtfest haben möchte. Und Träume werden in Erfüllung gehen.“

Nun war es an Janosch, die Augen zu verdrehen. „Ich dachte eher daran, dass du deine Träume erfüllst und nicht die anderer, Herr Weihnachtsengel.“

Max grinste breit und stupste Janosch liebevoll an.
„Es ist, Alles-ist-möglich-Sonntag. Also was solls. Wir brauchen nur noch einen weiteren Komplizen.“

Über das Haus lag eine angenehme Stille und die Nachtruhe war eingeläutet. Draußen schneite es wieder und hier und da fiel eine Last Schnee von den Bäumen ab.

Auf Zehenspitzen schlichen Janosch und Max durchs Haus und hofften, sich nicht in der Zimmertür zu irren. Leise schlossen sie eine Tür auf und schauten rein.
In einem großen Himmelbett lag Nick, alle viere von sich gestreckt und schnarchte laut.

„Süß, der Kleine“, schmunzelte Janosch.
„Man könnte denken, ihr seid wirklich Brüder.“

Max kniff Janosch in die Seite.
„So laut schnarche ich garantiert nicht“, wehrte Max sich.

„Nein. Natürlich nicht!“

Die jungen Männer schlichen näher an das Bett, obwohl diese Vorsichtig, nicht nötig war. Nick machte nicht den Eindruck, dass ihn irgendwas oder irgendwer in nächster Zeit wach bekommen würde.

„Nick“, sagte Max, doch es kam keine Reaktion.
„Nick!“ Vorsichtig rüttelte Max an ihm. Wieder rührte sich nichts. Im Gegenteil, das Schnarchen wurde noch lauter.

„Himmel! So wird das nichts! Möchtest du, dass er noch tiefer schläft oder ihn aufwecken?“
Janosch zog Nick die Decke weg und schüttelte ihn dann energisch.
„Nick! Aufstehen! Frühstück ist fertig.“

Verwirrt machte Nick die Augen auf.
„Das kann nicht sein“, gähnte Nick und schaute verschlafen umher.

Als er realisierte, dass Janosch und Max in seinem Bett lagen, schreckte er hoch und wollte schon los blöken.

Schnell hielt Janosch ihm den Mund zu und Max griff Nick unter die Arme und zog ihn aus dem Bett raus.
„Psst!“, zischte Max ihm ins Ohr.
„Du willst doch immer mit den großen Jungs mitspielen. Heute Nacht ist deine Chance.“


Der Schnee glitzerte im Mondschein und der Wald war in helles Licht getaucht. Nur ihre Schritte unterbrachen die Stille.

„Wie absolut, hammer-geil ist denn die Aktion!“ Nick konnte sich nicht beruhigen und zog unermüdlich den Schlitten hinter sich her.

„Noch, ist hier gar nichts hammer-geil. Noch ist nämlich gar nichts passiert“, bemerkte Janosch, dem die ganze Aktion nicht geheuer war.
„Und nach was genau halten wir eigentlich Ausschau, Max?“

„Nach dem perfekten Weihnachtsbaum. Er muss groß sein, dicke Zweige haben und wunderbar nach Tanne riechen.“

„Wie riecht denn Tanne?“ Nick kratze sich am Hinterkopf.
„Und by the way, trifft das nicht auf alle Bäume die hier drin stehen, zu?“

„Ich glaube langsam, ihr verträgt beide diese Landluft nicht“, antwortete Janosch sich selbst.

„Da!“, rief Max plötzlich und zeigte in den Wald rein.

Erschrocken drehten sich Janosch und Nick um und schauten in die gezeigte Richtung.
„Da! Da steht der perfekte Baum. Das ist er!“
Max stand vor einer sehr breiten Tanne, die nicht weniger als drei Meter hoch war.

„Super!“, Janosch verschränkte erneut seine Arme und schaute sich den Baum genauer an.
„Wird ja immer besser. Ist die nicht etwas sehr überdimensioniert, Max?“

„Nein! Sie ist perfekt.“

„Ok.“ Nick, der einfacher zu begeistern war und mit weitaus mehr jugendlichem Leichtsinn an die Sache ging als Janosch, machte sich an die Arbeit. Er stellte den Schlitten zur Seite und legte dann die Axt neben die Tanne, während Max seine Jacke auszog.

Dann stellte Nick sich neben die Tanne und gab sie zum Abschuss frei.
„Mach sie platt!“, feuerte Nick den Älteren an.

Max schlug die Axt in den breiten Stamm und die Stille wurde durch seine Einschläge durchbrochen. Janosch schaute sich unruhig um und hoffe, dass sie nicht im nächsten Moment von einem Förster oder wilden Tier unterbrochen wurden.

Max dagegen, war nicht mehr aufzuhalten. Ein ums andere Mal schlug er weiter in den Stamm, bis der Baum ins wanken kam.
„Jungs, Achtung! Baum fällt!“

Und mit einem letzten Schlag brachte Max die Tanne zu Fall. Kerzengerade viel sie in den tiefen Schnee.

„Dann wäre der schwerste Teil schon geschafft“, mit dem Unterarm wischte Max sich den Schweiß von der Stirn.

„Absolut!“, antwortete Janosch sarkastisch.
„Nur noch flux die 30 Kilo schwere Tanne, fünf Kilometer nach Hause ziehen und fertig.“

Auch hier ließ sich Nick nichts vormachen. Er schob den Schlitten neben dem Baum und legte schon einmal die Schnüre zurecht.
„Etwas Sport, am späten Abend, schadet dir nicht“, lachte Max und half Nick die Tanne auf den Schlitten zu hieven. Mit gemeinsamen Kräften war der Baum auf dem Schlitten befestigt und zu dritt zogen sie das Ungetüm aus dem Wald. Stunden später, etliche Kratzer und blaue Flecken weiter, stand der Baum im Wohnzimmer. Der Boden war übersät mit Tannennadeln und eine Vase war zu Bruch gegangen, aber der Baum stand im Ständer neben dem Kamin.
Das Wohnzimmer wirkte um einiges kleiner und die Tanne noch imposanter, im geschlossenen Raum.
„Die Mädels werden ausflippen“, fasste Nick ihr Werk zusammen.
„Ich bezweifel, dass Sophie genug Kugeln und Lichterketten für dieses Ungetüm hat“, bemerkte Janosch.

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